Marie Anouk: Woran erkennen Sie, dass es in einer Erbangelegenheit eigentlich um Beziehungen geht?
Antoine F. Goetschel: Wenn es etwas überspitzt gesagt, am Gespräch oder im Schriftton zum Ausdruck kommt, es geht nur um die Sache, du Idiot. Wenn über Bagatellen, über den Zimtbecher, über sechs Weingläser gestritten wird und nebenan noch Liegenschaften im Wert von 22 Millionen herumliegen und das geäussert werden soll, wenn man vorgibt, die Hand zu bieten, aber sich dabei nicht behaften lässt, dann habe ich häufig und schnell den Eindruck, dass es um ganz anderes geht, nämlich um das Befeiern der Streitigkeiten, und das ist häufig nicht im Sinne des Erblassers, der Erblasserin, die werden dann gut beraten, frühzeitig zu Lebzeiten, jetzt gerade den Kindern und den Enkeln entgegenzukommen, das so zu regeln, dass sie diese Sorgen umschiffen. Lassen Sie mich den Gedanken noch einwenden, dass eigentlich eine Generation zu spät vererbt wird. Eine Person bis 30 hat einen höheren Liquiditätsbedarf für Ausbildung, für Reisen. Man will dann reisen, man will sich gut ausstatten oder elektronisch auch jetzt gut positionieren können. Da fehlt häufig das Geld. Und wenn die Eltern sterben, sie sind 90, man ist 60, natürlich ist man froh, kommen noch 5000 Franken, 10 Millionen obendrauf. Aber der eigentliche Bedarf ist früher, auch dann, wenn zum Beispiel das Kind selber Kinder hat, wenn man in der Grosselternposition ist, da empfiehlt es sich hochherzig zu überlegen, ob man nicht, wie man so schön sagt, mit warmen Händen gibt. Und das sauber mit einer Anwältin, einem Anwalt zur Seite und dem Notar so übergibt, dass man die Bedürfnisse der Kinder und der Enkel zu eigenen Lebzeiten noch zu befriedigen kann.